Im Mittelaltermärchenland

Im Mittelaltermärchenland

Meine erste Nacht in Tallinn war eine Katastrophe. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, meinen Rucksack zu packen und zu flüchten. Hier die Ausgangslage: Mein Schlafsaal ist unter dem Dach. Er hat 20 Betten, verteilt auf zwei Durchgangszimmer und einen abgetrennten Raum am Ende. Mein Zimmer war das mittlere, mit zehn Betten. 

Als ich nachmittags ankam, war ich alleine in dem Raum. Als ich nachts ins Bett ging, lagen da neun vermutlich betrunkene Typen. Das Zimmer hat ein einziges kleines Fenster. Es hat gestunken und es gab keinerlei Sauerstoff. Das war Horror. Am nächsten Morgen habe ich als allererstes nach Ersatzunterkünften gesucht und bin danach in Verhandlungen mit dem Hostelrezeptionisten getreten. Ich wollte am liebsten das Zimmer wechseln. Das wäre auch möglich gewesen, ich hätte aber jeden Tag in ein neues Zimmer ziehen müssen, weil das Hostel ziemlich ausgebucht ist.

Alternativ hat mir der Mitarbeiter angeboten, innerhalb des Zimmers das Bett zu wechseln. Nach einer Sondierung der Lage habe ich mich für diese Variante entschieden. Ich schlafe jetzt im ersten Durchgangszimmer, in dem es ein großes Fenster gibt. Es ist zwar total laut, weil permanent Menschen an meinem Bett vorbeilatschen, aber wenigstens muss ich nicht ersticken.

Zimmer unterm Dach und kein Fenster in Sicht

Der Zimmerwechsel und ein nettes Gespräch mit einem weltreisenden Neuseeländer haben meinen Vormittag in Anspruch genommen. Am Mittag habe ich an meiner geliebten Walking Tour teilgenommen. Sie begann an einem Kartoffelacker. Genau in der Mitte der Altstadt wird seit ein paar Wochen nämlich Landwirtschaft betrieben. 

Einem Privatmann gehört dort ein Stück Land, das er gerne mit einem Prestigebau bestücken würde. Die Stadt erlaubt das aber nicht, da das historische Zentrum Weltkulturerbe ist. Seit einiger Zeit gibt es Streit zwischen beiden Parteien. Vor kurzem ist der Privatmann dann mit dem Traktor angefahren und hat die Kartoffeln gepflanzt. Das verstößt nicht gegen die UNESCO-Auflagen und die Stadt kann nichts dagegen tun, auch wenn sie das Stück Land gerne für sich hätte.

Im Vordergrund der Kartoffelacker

Nebenan steht die für Tallinn wichtige Nikolaikirche. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Tallinner wollten gerne, dass die Kirche wieder aufgebaut wird. Die Russen wollten das logischerweise nicht, da alles Religiöse unerwünscht war. Die Tallinner schlugen dann vor, man könne in der Kirche ja ein Museum für Atheismus eröffnen. Das fanden die Russen gut. Die Kirche wurde aufgebaut. Ein Museum ist dort heutzutage tatsächlich untergebracht, allerdings ein Kunstmuseum.

Ich habe also wieder viele interessante Dinge gelernt und die Altstadt ist sehr schön. Allerdings wird sie mir auf Dauer fast zu kitschig. Das liegt nicht an der Stadt an sich, sondern wie sie präsentiert wird. Hier rennen Kellner, Stadtführer und Musiker in Mittelalterklamotten rum, aus den Restaurants kommt mittelalterliche Musik, es werden mittelalterliche Souvenirs verkauft. Alles in bisschen viel. Eben fast ein Themenpark. 

Hier Bilder der Altstadt – ohne Mittellalterschwerpunkt.

Anders sieht es aus, wenn man die alten Stadtmauern hinter sich lässt. Am Nachmittag war ich im Rotermannviertel. Hier standen früher alte Industriegebäude. Die wurden zum Teil restauriert und es wurde auch neu gebaut. Jetzt ist das ganze ein hippes Viertel mit vielen Bars und Geschäften.

Gleich nebenan beginnt Downtown Tallinn. Dort stehen auch ein paar Hochhäuser, sodass fast ein bisschen Metropolenfeeling aufkommt. Allerdings beschränkt sich das auf zwei, drei Straßen. Dahinter sieht alles schon wieder viel beschaulicher aus. 

Zurück in der Altstadt war der Marktplatz am Nachmittag fest in deutscher Hand. Dort versammelte sich nämlich halb Frankfurt, da am Abend Eintracht in der Europa League gegen Flora Tallinn spielen sollte. Frankfurt hat übrigens gewonnen. Wegen des Fußballspiels war auch einiges an Polizei unterwegs. Ich muss immer lachen, wenn ich hier ein Polizeiauto sehe. Sieht ein bisschen nach Rechtschreibfehler aus.

Am Abend war ich am Fährhafen um die riesigen Fähren zu bewundern, die nach Helsinki und St. Petersburg fahren. Dort gab es ein schönes ruhiges Plätzchen am Ufer, an dem man den Schiffen zugucken konnte. Man musste dazu lediglich einen Kilometer über einen staubigen Lkw-Parkplatz laufen, Mückenschwärmen trotzen und eine Steinmauer überklettern. Hier mein Blick aufs Meer und der Blick des Meeres auf mich.

Gestern war ich im Stadtteil Pirita. Dort gibt es tatsächlich einen langen Sandstrand. Der war auch ziemlich voll am Nachmittag. Als ich ankam, habe ich mich kurz geärgert, dass ich gar keine Schwimmsachen dabei hatte. Allerdings war der Wind doch ziemlich frisch und das Wasser ebenfalls. Obwohl Tallinn auch gerade so etwas wie eine Hitzewelle erlebt. Es sind hier aktuell rund 25 bis 28 Grad. Da lacht ihr in Deutschland nur, ist mir schon klar. 

Statt zu schwimmen, habe ich mich auf einen Steg in der Marina gesetzt, mir eine Jacke übergezogen und Windsurfern und Badegästen zugeschaut. Dabei wurde ich auch Zeugin eines meiner geliebten Instagramschauspiele: Zwei Frauen kamen auf den holprigen Steinsteg. Eine ziemlich aufgetakelt, die andere war ihre Lakaiin und musste Fotos machen. Es gab zwei Outfitwechsel, vier Hintergrundwechsel und Stöckelschuhe kamen auch zum Einsatz. Faszinierend.

Im Anschluss war ich im benachbarten Stadtteil Kadriorg. Hier gibt es einen riesigen Park, die Präsidentenresidenz, das Kunstmuseum und ein Schloss, dass Peter der Große für seine Frau Katharina erbauen ließ (siehe Foto).

 

Ich habe die letzten beiden Tage ganz toll gegessen, und zwar in einem in Tallinn ganz bekannten Pfannkuchenhaus. Dort bekommt man für fünf bis sechs Euro Pfannkuchen von der Größe eines Wagenrades. Gefüllt mit allem Erdenklichen. Ich hatte einmal Lachs und einmal Hackfleisch und Käse. Dazu gibt es fast noch leckerere Soßen. Ich kann nur jedem Tallinnbesucher empfehlen, das auszuprobieren. Das Restaurant heißt „Kompressor“, warum auch immer. 

Heute war ich nicht so produktiv. Ich musste ein paar Erledigungen machen, habe ein paar Dinge zu meiner Einreise nach Russland nachgelesen und 200 Seiten „Harry Potter und der Stein der Weisen“ gelesen. Am Nachmittag war ich aber auch etwas in der Stadt unterwegs.

Außerdem fühle ich mich hier seit zwei Tagen von inzwischen zwei französischen Schulgruppen tyrannisiert. Die machen hier wohl Ferien und belegen sämtliche Aufenthaltsflächen. Zum Glück sind sie nicht in meinem Schlafsaal untergebracht. 

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Oh oh, ich glaub, du brauchst doch noch ein aufblasbares Sauerstoffzelt. 😜 Ich hoffe, dass mit deiner Einreise nach Russland alles geklappt hat? жела́ю прия́тно провести́ вре́мя! (Wie kann „Viel Spaß“ so lang und kompliziert sein?)

    1. Jap, das lief alles. Bericht folgt noch. 75 Prozent deiner russischen Botschaft konnte ich übrigens entschlüsseln. Da steht: „wünsche sehr ??? Zeit“ 😀 Fast ein Profi bin ich.

  2. Und dein Fazit für Tallinn? Ist Riga immer noch Si(e)ga? Mir erscheint die Stadt sehr abwechsungsreich.

    1. Ja, stimmt. Ich schulde euch noch ein Fazit. Aber dir kann ich es ja schon verraten: Riga ist nach Abschluss meiner Osteuropatour mein Favorit geblieben 🙂

  3. Mir scheint die Hostels sollten statt Aufenthaltsräumen eher Entspannungskabinen für paar Euro vermieten, in denen man sich erholen kann von den nervigen Mitbewohnern!!!

    1. Dafür würde ich in einigen Hostels auf jeden Fall ein paar Euro investieren.

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