Alles auf Anfang

Alles auf Anfang

Ich bin wieder in Deutschland. Ich kann es immer noch nicht recht fassen. Am Ende ging alles ganz schnell. Wie es dazu kam, erzähle ich euch gleich, aber lasst uns noch ein letztes Mal chronologisch vorgehen, denn ich möchte euch nicht vorenthalten, was an meinen finalen Tagen in Auckland passiert ist. 

Seit die neuseeländische Premierministerin verkündet hatte, dass die Rückholaktion gestoppt sei, hingen auch wir erstmal in der Luft. Wir verfolgten die täglichen Pressekonferenzen der Regierung und hofften auf Neuigkeiten, die aber meistens nur schwammig ausfielen.

Ansonsten machten wir das beste aus der Situation. Anja, Paula, Lena und ich feilten weiter an unserer Yogakarriere. Ich musste eine große Cluedo-Niederlage einstecken, aber nur aufgrund der höchst fragwürdigen Spielweise einer gewissen Zimmernachbarin. 

Ein epischer Monopoly-Sieg ging hingegen auf mein Konto. Ich möchte nicht unbescheiden sein, aber ich zerstörte meine Mitspieler. Alle gingen sie bankrott. Einer nach dem anderen. Diese Sozialisten. Hier mein Gewinnerselfie und das Bild der geschlagenen Gegner (die sich leider weigerten, für das Foto ihren Tränen freien Lauf zu lassen).

Unsere Möglichkeiten, das Hostel zu verlassen, waren nach wie vor beschränkt. Da war jeder Gang zum Supermarkt ein Highlight. In den Park dürfe man auch, aber nur in einen nahe gelegenen, teilte uns die Regierung mit. Aber was genau bedeutet nun nahe gelegen? 

Ich fühlte mich wie eine Kriminelle, als ich an einem Abend zu einem 20 Minuten entfernten Park lief, wo es doch zwei weitere Parks in nur fünfminütiger Entfernung zum Hostel gegeben hätte. Auf diesem Spaziergang sah ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß des Lockdowns.

Die meisten Menschen, denen ich begegnete, liefen gleichgültig an mir vorbei. Manche machten aber auch einen großen Bogen um mich. Vor dem Parkeingang fuhr ein Polizeiauto an mir vorbei, da stieg mein Puls gleich wieder in die Höhe. Was für verrückte Zeiten. Nervös, weil man in einem Park spazieren gehen will. 

Mein kleiner Ausflug tat mir aber so gut. Ich kam mir fast wieder vor wie eine Reisende. Doch noch einmal was Neues sehen. Ich feierte jeden Baum und jeden Busch. Nach so vielen Tagen im Hostel kam mir der Park fast so schön vor wie der Kuang Si Wasserfall in Laos, oder das Ice Valley in der Mongolei, oder Taroko Gorge in Taiwan.

Mehr Sightseeing war nicht drin. Obwohl auch im Hostel optische Abwechslung geboten wurde. Gefühlt tauchten täglich neue Schilder an diversen Wänden auf: „Nur acht Leute dürfen gleichzeitig in der Küche sein.“ „Auf diesem Sofa bitte nur drei Leute auf einmal.“ „Den Aufzugsknopf nicht mit den Füßen drücken. Er wird regelmäßig desinfiziert.“ In jeder Ecke und vor jedem Zimmer sprossen Flaschen mit Desinfektionsmittel. Ja, selbst im Aufzug konnte man sich die Viren vom Leib schaffen. Fotomotive in Zeiten von Corona. (Man beachte auch die modisch mutige Socken-Flipflop-Kombo.)

Der erste aus unserer Stammtischtruppe, der es aus Auckland rausschaffte, war Moritz. Er hatte einen Flug mit Qatar Airways ergattert, also mit der so ziemlich einzigen Airline, die noch nach Europa flog. Wir freuten uns natürlich alle, als klar war, dass der Flug auch wirklich stattfinden würde. Aber etwas traurig war es auch. 

Unser Sextett wurde nach Moritz‘ Abreise durch Johannes wieder komplettiert. Er ist zwar Österreicher, aber weil er sich gar nicht so anhört, drückten wir ein Auge zu. 

Zu sechst durften wir auch endlich unser neues Zimmer beziehen. Der Hostelmanager hatte uns bereits am ersten Tag des Lockdowns versprochen, dass wir alle zusammen in ein Zimmer ziehen könnten. Allerdings brauchte er einige Tage um seinen Masterplan auszutüfteln. Die Völkerwanderung beschäftigte uns einen kompletten Tag, da alle Zimmerbesatzungen kräftig durchgerüttelt wurden und unsere Vormieter sich zudem erst zu fortgeschrittener Stunde in der Lage sahen, ihre Betten zu räumen.

Vergangenen Donnerstag erreichte uns die Nachricht der Botschaft, dass die Rückholaktion nun weitergehen könne. Für uns bedeutete das, dass wir nun wieder an unseren Handys klebten um im Minutentakt unsere Mails zu checken. Wir gingen in der ersten Runde jedoch alle leer aus.

Am Freitag dann feierten wir Johannes‘ Geburtstag. Dafür war das Geburtstagskind doch tatsächlich fast mitten in der Nacht aufgestanden um uns allen einen echten österreichischen Apfelstrudel zu backen. Den aßen wir auf unserem Stammplatz auf der Terrasse.

Der Strudelnachmittag ging in den inzwischen schon obligatorischen Sekt- und Weinabend über. Unsere Mails wollten wir alle zusammen nur noch jeweils zur vollen Stunde checken, beschlossen wir. Meine Mail fand ich um 18 Uhr: „As part of the German government’s repatriation programme, you are scheduled to depart on Flight NZ1960 on Saturday at 3:30pm from Auckland International Airport to Frankfurt am Main via Vancouver.“ (Im Rahmen der Rückholaktion der Deutschen Regierung wurden sie auf Flug NZ1960 am Samstag um 15:30 Uhr von Auckland nach Frankfurt über Vancouver gebucht.)

Ich hatte mich ja in den Tagen zuvor bereits dazu durchgerungen, die Rückholaktion zu nutzen. Trotzdem fühlte es sich einfach nur beschissen an, nun tatsächlich den schriftlichen Beleg in meinen Händen zu halten, dass meine Weltreise wirklich vorbei war. Ich hatte eine Stunde, um auf die Mail zu antworten. Keiner von den anderen hatte eine Benachrichtigung erhalten. Nur ich, die ich am wenigsten gerne weg wollte.

Nach viel Kopfschütteln, einigen großen Schlucken Wein und ein paar Tränen bestätigte ich meinen Flug. Am nächsten Tag um diese Zeit würde ich schon längst in der Luft sein.

Das Packen verschob ich auf den nächsten Morgen. Nach all den Monaten auf Reisen brauchte ich dafür eh nur noch fünf Minuten. Der Abschied von den anderen, vom Hostel, von Auckland war erwartbar furchtbar. Um 10:30 Uhr kam dann bereits der Uber, weil man schon um 11:30 Uhr am Flughafen sein sollte.

Vor dem Flughafengebäude hatte sich bereits eine lange Schlange angestaut. Denn vor Eintritt wurden von Mitarbeitern der Botschaft die Personalien mit der Flugliste abgeglichen. Es rannten sowieso überall Botschaftsmitarbeiter mit Deutschlandwesten herum. Das war sehr komisch, plötzlich in Neuseeland mit Offiziellen Deutsch zu sprechen.

Einmal im Gebäude drin, ging der Check-In ganz schnell. Ich bekam ein Ticket ausgehändigt, das vermutlich in der Geschichte der Luftfahrt einzigartig ist: „From Auckland to Frankfurt“. 

Wie ihr seht, wurde ich irgendwo ganz hinten in die Economy Class gestopft. Ein Affront. Hatte fest mit Business Class gerechnet. Dieses Glück wurde hingegen unverständlicherweise ein paar Austauschschülerinnen zuteil.

Im Flughafen war übrigens absolut tote Hose. Außer meinem Flug ging nur noch eine Qatarmaschine nach Doha.

Alle Geschäfte und Restaurants hatten natürlich geschlossen, bis auf drei Ausnahmen. Ich vertrieb mir die Zeit bis zum Boarding deshalb mit sinnlosem Hin- und Hergelaufe. Hier das letzte Selfie und der letzte Blick auf Neuseeland.

Der Flug war traumatisch. 26 Stunden eingesperrt. Wir landeten nach 13 Stunden zwar in Vancouver zwischen, durften dort aber nicht aussteigen, sondern mussten drei Stunden auf die Weiterreise warten. Im Anschluss dann nochmal knapp 10 Stunden nach Frankfurt. Ich musste die ganze Zeit mit meiner Platzangst und aufkommenden Panikattacken kämpfen. 

Als wir endlich in Frankfurt landeten, dauerte es noch einmal fast eine Stunde, bis wir das Flugzeug verlassen konnten. Dafür ging die Einreisekontrolle wieder ratzfatz. Meine Aussteigekarte mit persönlichen Angaben, die wir im Flugzeug ausfüllen mussten, sammelte niemand ein. Läuft. 

Meine Mama holte mich zum Glück am Flughafen ab. Ich wohne jetzt wieder bei ihr. Den ersten Tag in der Heimat verbrachte ich schlafend. Am zweiten Tag mistete ich meinen Kleiderschrank radikal aus. Nach neun Monaten mit drei Hosen und sechs T-Shirts hat mich der Umfang meines Kleiderschranks fast erschlagen. 

Seit gestern bemühe ich mich darum, wieder eine ordentliche Bürgerin zu werden. Also zumindest so halbwegs: Arbeitsamt, Krankenkasse, Autozulassung. Was gibt es Schöneres als deutsche Bürokratie. 

Heute Nacht kam dann noch eine Jubelmeldung aus Auckland: Lena und Paula haben ganz kurzfristig einen Platz in einem Lufthansaflieger nach Frankfurt ergattert. In dem gleichen Flieger sitzt Kilian. Sie müssten in den nächsten Stunden landen. Und auch Johannes dürfte inzwischen unterwegs sein. Jetzt hält also nur noch Anja in Auckland die Stellung. Sie hatte sich aber bewusst dazu entschieden zu bleiben und einen Job zu finden.

Und damit sind wir fürs Erste am Ende meines Blogs angekommen. Ich wollte eigentlich noch ein großes Fazit schreiben, aber dazu fühle ich mich gerade nicht in der Lage. 

Nur soviel: Ich habe normalerweise ein ganz furchtbares Gedächtnis, das nicht mal seinen Namen verdient. Aber diese neun Monate haben sich mir wahrscheinlich für alle Ewigkeit ins Gehirn gebrannt. Ich weiß noch, auf welchem Platz ich im Bus von Dresden nach Prag saß, damals an Tag 1 meiner Reise. Wie die Schlafsaaltür im furchtbarsten aller Hostels in Tallinn immer knallte. Wie ich Druga in Listwjanka kennenlernte. Wie die Lieder klangen, die wir auf unserem Roadtrip durch die Wüste Gobi hörten. Wie der Taifun durch die Straßen von Taipeh fegte. Was beim Willkommensdinner in Cebu City serviert wurde. Wie ich durch das Straßenwirrwarr des Old Quarters von Hanoi zu McDonalds finde. Welche Buslinien zum Flughafen in Perth fahren. 

Ich danke euch allen dafür, dass ihr in den vergangenen Monaten hier mitgelesen und mich dadurch auf meinem Weg begleitet habt. Wenn das Reisen auf dieser Welt wieder möglich ist, werde ich zum zweiten Teil meines Abenteuers aufbrechen. Dann wird es hier im Blog natürlich weitergehen. Ich würde mich tierisch freuen, wenn ich euch dann hier zurückbegrüßen dürfte.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Liebe Anne,
    willkommen zurück in Deutschland. Schön, dass Du heil wieder angekommen bist. Falls Du noch Sehnsucht nach Neuseeland hast – auf Arte lief gerade eine Doku dazu mit traumhaft schönen Bildern. Vielleicht hast Du das ja zufällig gesehen, wenn nicht, hier der Link.
    https://www.arte.tv/de/videos/089066-000-A/neuseeland-gletscher-vulkane-und-kiwis
    Alles Gute für Deinen Neustart und viele Grüße
    Christina

  2. Na hallo, da war doch noch was. Ich erinnerte mich, aus unserem Telefongespräch, das Du Deinen Blog noch zum Abschluss bringen möchtest und … da ist er ja, Dein letzter, vorläufiger Reisebericht. Schade, wir waren doch schon süchtige Leser dieser Lektüre. Aber nun haben wir Dich wieder glücklich zurück und drücken die Daumen, dass Du eine nicht zu lange Eingewöhnungsphase benötigst und Deine Wiedereingliederung vom Amtsschimmel wohlwollend begleitet wird.
    Pass weiter schön auf Dich auf und bleibe gesund. Wenn der Teil 2.0 Deiner “ kleinen Weltreise “
    irgendwann wieder auf dem Programm steht , gehören wir natürlich wieder mit zu den neugierigen Lesern Deines Blog´s

    1. Der Amtsschimmel beschäftigt mich leider immer noch. Aber eins nach dem anderen 😀 Ich freue mich jetzt schon so darauf, wieder mit den Einträgen beginnen zu können.

  3. Ach Anne, ich konnte beim Lesen Deine Traurigkeit fast physisch und psychisch spüren! Ich habe echt mitgelitten und spüre so was wie Melancholie… Aber ich freue mich auch, dass Du gesund und sicher in unserer Heimat angekommen bist!!! Was für ein schönes Radlschild! 🙂 – Genieße die Zeit bei Mama… lass Dich verwöhnen… lass Dich (vielleicht) mal blicken?… und vor allem: Ich wünsche Dir (und jedem anderen auch) dass diese Sch…situation ratzefatz vorbei geht… und ich Dich wieder irgendwo auf unserer wunderschönen Welt wiederfinden darf. Bin süchtig nach Deinen Berichten… Liebe Grüße von Deiner (auf unfreiwilligem Entzug lebenden) Andrea 🙂

    1. Liebe Andrea, ich hoffe genauso wie du, dass ich deine Sucht bald wieder füttern kann 🙂 Und übrigens, sobald die Situation es wieder zulässt, kannst du sichergehen, dass ich bei euch auf der Matte stehe 😀

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