Die glücklichsten Tiere der Welt

Die glücklichsten Tiere der Welt

Ach, ich muss mich mal wieder entschuldigen, dass ich solange nichts habe von mir hören lassen. Das Thema „Kreditkarte“ ist noch nicht abgeschlossen und hat mich auf Trab gehalten. Da brauchte ich abends zur Entspannung Netflix statt Photoshop. 

Ich versuche mich mal an meine letzten Tage in Perth zu erinnern. Die Chronologie bekomme ich aber nicht mehr fehlerfrei hin. Fangen wir mit dem Hostel an. Die Atmosphäre dort unterschied sich stark von der in meinen asiatischen Hostels. Viele Bewohner sind nämlich Langzeitgäste. Ich habe einen gesehen, der dort schon seit zwei Jahren lebt. Die arbeiten alle in Australien mit dem Working Holiday Visum. Ich war eine der ganz seltenen normalen Urlauber. In Anbetracht der horrenden Preise in Australien kein Wunder. 

Mein erstes selbstgekochtes Abendmahl nach Ewigkeiten fiel deshalb schlicht aus: Fertigkäsemakkaroni. Leicht und bekömmlich. Was mich an dem sonst sehr netten Hostel wirklich störte, war die Tatsache, dass alle Aufenthaltsräume um 23 Uhr dicht gemacht wurden. Sodass man entweder ins Bett gehen, in der Küche sein Lager aufschlagen oder im winzigen Hinterhof auf einer Getränkekiste den Rest des Abends verbringen konnte.

Ich glaube der nächste Tag war der Tag, an dem es ständig regnete und wir Nicht-Arbeiter im Fernsehraum Netflix schauten. Der übernächste Tag war wiederum tierisch heiß. Ich lief trotzdem ein wenig herum. Zuerst war ich im Hyde Park, der deutlich bescheidener ausfällt als der Londoner Namensvetter.

Auf dem Weg zum Park  lief ich einmal quer durch den Stadtteil Northbridge, in dem mein Hostel liegt. Northbridge ist das Chinatown und der Kneipenbezirk von Perth. Das Ganze beschränkt sich aber auf ein paar Straßen. Drei Blocks weiter sieht Northbridge aus wie ein Vorortwohngebiet.

Hier mal ein Foto der zentralen Williams Street in Northbridge am Abend.

Nach einer Woche Aufenthalt in Perth war es für mich Zeit für die Weiterreise, die für mich diesmal an der S-Bahn-Station am Yagan Square in Perth begann. Der Platz sieht ziemlich cool aus. 

Eine flotte halbe Stunde dauerte die Fahrt nach Fremantle, einem kleinen Städtchen am Meer, südlich von Perth. Fremantle machte sofort einen sehr freundlichen Eindruck auf mich. Hier der Bahnhofsvorplatz.

Mein Hostel war in einer alten Feuerwache untergebracht. Es war riesig. Drei Küchen, mehrere Aufenthaltsräume, ein schulhofgroßer Außenbereich. Auch hier gab es wieder viele Langzeitbewohner. Was sich auch auf unseren Schlafsaal auswirkte. Ich hatte nach langer Zeit mal wieder ein Zwölferzimmer buchen müssen. Ich habe während meiner Reise noch nie so einen vollgestopften Schlafsaal gesehen. Normalerweise reisen Backpacker ja eher mit leichtem Gepäck, aber wenn von zwölf Leuten mindestens die Hälfte seit Monaten in dem Zimmer lebt, sieht die Sache schnell anders aus.

Der beste Platz im ganzen Hostel war der Frauenbereich. Das Hostel hatte tatsächlich einen eigenen Aufenthaltsraum, eigene Bäder und eine eigene Küche nur für die weiblichen Bewohner. (Alle anderen Bereiche sind Mischbereiche). Hatte ich so auch noch nirgendwo gesehen. Während es im Rest des Hostels sehr chaotisch zuging, war dort meistens kaum etwas los und so konnte ich abends in Ruhe kochen und auf dem Sofa essen und meine Reiseplanung betreiben. 

Auch wenn ich sehr viel auf dem Sofa saß, schaffte ich es trotzdem mir Fremantle anzschauen. Die Australier lieben es Wörter abzukürzen und nennen die Stadt Freo. Sie ist bekannt für ihre gut erhaltenen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Das „Runde Haus“ zum Beispiel, ist das älteste öffentliche Gebäude Westaustraliens, wurde als Gefängnis genutzt und im Jahr 1831 fertiggestellt.

 

Ich wollte jetzt gerade auf Wikipedia nachschauen, wieviele Einwohner Fremantle hat, um meine These zu untermauern, dass das Städtchen sehr gemütlich und verschlafen ist. Und was passiert? Beim Überfliegen des Artikels bleiben meine Augen an zwei Wörtern hängen: Bon Scott. 

Bon Scott ist in Fremantle begraben und das lese ich erst jetzt, wo ich längst in Bunbury bin? Ich spiele stark mit dem Gedanken, Fremantle einen zweiten Besuch abzustatten. (Für alle Ahnungslosen: 1. Schande über euch. 2. Bon Scott war Sänger von AC/DC vor Brian Johnson. Er starb 1980, aber einige der bekanntesten Lieder von AC/DC, wie zum Beispiel Highway to Hell oder T.N.T., entstanden zu seiner Zeit.) 

Fremantle hat 29.000 Einwohner und ist sehr gemütlich und verschlafen. Die vielen historischen Gebäude in der Innenstadt muten museal an. 

Viel Wasser gibt es auch. Ich war sowohl am Strand als auch am Hafen, wo gerade die Queen Mary 2 vor Anker lag. Was für ein dicker Brummer.

Am Abend wurde die Queen Mary für ihre Weiterfahrt in einer langwierigen Aktion umgedreht. Das zog tatsächlich eine kleine Schar Schaulustiger an, mit Kameras und Stativen und so. Aber es gibt ja auch viele begeisterte Flugzeug-und Zugfotografen. Also warum nicht.

Die Ereignisse des nächsten Morgens erheiterten mich sehr. Am Abend zuvor hatten wir Bewohner des Zwölferzimmers allesamt einen Räumungsbefehl bekommen. Bis um 9 Uhr am nächsten Morgen müssten wir alle unsere Sachen aus dem Zimmer geschafft haben. Alles was zurückbleibe, würde entsorgt. Die Mitarbeiter wollten das Zimmer grundreinigen.

Ich hatte ja eingangs erwähnt, dass der Schlafsaal aussah wie ein Messieheim. Als ich gegen 8:30 Uhr aufstand und meine sieben Sachen griff, war die Stimmung gemütlich. Gegen 8:55 Uhr brach das Chaos aus. Was da von halbbekleideten, halbschlafenden Menschen an Boxen und Kisten und Koffern und Säcken aus dem Schimmer geschmissen wurde, war erstaunlich. Der Flur war hinterher kaum noch betretbar. Aber die Mission war geglückt.

Von der Putzaktion selbst bekam ich nichts mit, da ich Ausflugstag hatte. Vor Fremantle liegt eine Insel im Indischen Ozean: Rottnest Island. Rottnest hat seinen Namen seinen berühmtesten Bewohnern zu verdanken, den Quokkas. Quokkas sind Minikängurus und wurden von den ersten Siedlern für Ratten gehalten (Rottnest = Rattennest). Außerhalb von Rottnest Island sind die Quokkas kaum noch in freier Natur zu finden. Auf Rottnest Island jedoch haben sie keine natürlichen Feinde und gelten deshalb als sehr zutraulich. Sie sehen oft so aus, als würden sie lächeln und deshalb werden sie die glücklichsten Tiere der Welt genannt. 

Natürlich wollte ich diese hüpfenden Glückspilze mit eigenen Augen sehen. Die Fährfahrt kostete mich ein Vermögen und deshalb verzichtete ich auf der Insel darauf, mir obendrauf noch ein Fahrrad zu leihen. Das Fahrrad ist das bevorzugte Fortbewegungsmittel auf Rottnest Island. Ich begegnete zwei anderen Wanderern. 

Ich würde die Insel auch zu Fuß umrunden können, dachte ich mir. 22 Kilometer im Umfang. Lächerlich. Wer da ein Fahrrad braucht, dem ist nicht mehr zu helfen. Also marschierte ich los und blieb zu Beginn immer schön in Küstennähe um mich zu orientieren.

 

Die Orientierung war trotzdem nicht so einfach, da sich die Wanderwege häufig verästelten und ich mich mehrfach inmitten von Sanddünen wiederfand. Ich verabschiedete mich im Geiste von der Idee, die Insel ganz korrekt zu umrunden und war dazu bereit, mir ein paar Abkürzungen zu genehmigen. Ich stoch durch die Felder bis ich den asphaltierten Radweg fand und dort sah ich endlich auch das erste neugierige Quokka, das bereits die Aufmerksamkeit zweiter Radtouristen auf sich gezogen hatte.

Das regte mich schon wieder auf, dass die an dem herumtätschelten. Es stand ganz klar überall geschrieben, dass man die Tiere nicht anfassen soll.

Als die Schar der Schaulustigen größer wurde, zog ich erstmal weiter. Ich hatte inzwischen meine Umrundungsphantasien aufgegeben und der Küste den Rücken gekehrt, schaute mir stattdessen das Inland an.

Dort fand ich auch meine ersten eigenen Quokkas und merkte, dass es wohl zwei Arten gibt. Die einen sind neugierig und zutraulich und treiben sich deshalb in der Nähe der geschäftigen Radwege rum. Die anderen haben keinen Bock auf menschlichen Kontakt und leben deshalb in der Nähe der Wanderwege. 

Meine Quokkas waren jedenfalls sehr scheu und ich konnte sie nur aus der Ferne fotografieren (Mit meiner großen Kamera wäre das nicht so schlimm gewesen. In einem besonders genialen Moment hatte ich zwar die Kamera in den Rucksack gepackt, aber den Akku nicht.)

Ich ließ die Tiere also in Ruhe, konnte mich aber stattdessen an den schicken Seen erfreuen, die den östlichen Teil der Insel beherrschen. Einige von ihnen sind Salzseen, oder vielleicht auch alle, ich bin mir nicht sicher. 

Als ich wieder am Hafen ankam, hatte ich noch etwas Zeit bis zur Abfahrt. Ich ließ mich in einem Picknickbereich nieder und begegnete dort tatsächlich noch einigen Quokkas der zutraulichen Sorte. Ich versuchte mich auch an einem Quokka-Selfie, die scheinen obligatorisch zu sein, aber mein Quokka-Selfie-Partner spielte nicht so richtig mit. 

Fazit: Die Insel ist toll zum Wandern, die Natur ist abwechslungsreich, die Quokkas sind ein cooler Pluspunkt. Was mich wirklich genervt hat, war die Respektlosigkeit vieler Besucher. Dass sie die Tiere anfassten und teilweise sogar fütterten. Und dass sich viele Menschen auf einmal auf ein Quokka stürzten. Ich kann sowas nicht verstehen.

Der nächste Tag war nervig. Es reicht, wenn ich genervt bin, ich will euch mit Details verschonen. Die Kurzversion: Meine neue Kreditkarte, die Mama mit DHL Express aus Deutschland losgeschickt hatte, sollte eigentlich ankommen. Sie kam aber nicht. Es folgten lange Gespräche mit DHL in Perth meinerseits und Telefon- und Emailverkehr zwischen meiner Mutter und DHL Deutschland. Fakt ist, DHL hat es nicht hinbekommen, den Brief ordentlich zu adressieren. Resultat ist, ich kann die Kreditkarte in zehn Tagen am Flughafen in Perth abholen. Wenn ich Glück habe. Ich bin so froh, wenn dieses Kapitel endlich abgeschlossen ist.

Aus Fremantle habe ich mich gestern verabschiedet und bin weiter Richtung Süden gereist. Nach Bunbury. Zuerst mit dem normalen Regionalbus nach Cockburn. Dann mit dem Langstreckenbus weiter zum Bahnhof Bunbury. Dann mit dem Stadtbus zum Hostel. Lief alles wie geschmiert. 

Der Busfahrer des Langstreckenbusses wollte nichtmal mein Ticket sehen. Das hatte ich am Vortag mit Aufwand ausdrucken müssen, weil der Drucker im Hostel keine Tinte mehr hatte. Stattdessen latschte ich zur örtlichen Bibliothek. Was aber auch irgendwie nett war, denn die ist im selben Gebäude wie die Stadtverwaltung und gleich neben einem Sportplatz, wo circa 100 Jugendliche gerade Fußballtraining hatten. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine Einheimische. 

Zurück zu Bunbury. Ich weiß noch nicht besonders viel über den Ort, außer dass auch Bunbury ziemlich verschlafen wirkt. Was ich ja gerne mag. 

 

Ich hatte mir den Ort aus pragmatischen Gründen ausgewählt: Es ist der erste Ort südlich von Fremantle, in dem es ein Hostel gibt. Außerdem gibt es hier ein Delfinschutzzentrum und man kann richtige Delfine sehen, wenn man Glück hat. Das werde ich die Tage mal versuchen. 

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Ja, Anne, wir können dem nur zustimmen. Deine Reiseberichte sind auch für uns eine spannende Lektüre.
    Ich habe jetzt mal Alle von Anfang an auf meinem “ Schlepptopp“ gespeichert und gestaunt, was da bisher für ein Gesamtwerk entstanden ist. Mache Dir schon mal langsam Gedanken, wie Du nach Beendigung Deiner Reise alles aufarbeiten kannst, um es der Nachwelt zu erhalten. In der Gegenwart aber weiterhin viele interessante Erlebnisse, pass schön auf Dich auf und ….. wir bleiben wie immer neugierig.

    1. Na wir hatten ja auch schon einen Batzen an Weihnachten ausgedruckt. Da war ich auch baff, welche epischen Romane ich hier schon verfasst habe.

  2. Hallo Anne. 😊Gestern beim 70. Geburtstag von Bernd, sagte ich noch zu Sieglind,dass ich lange nichts von dir gehört habe und schwupps ist ein neuer Weltreisebericht von dir da. Wieder sehen wir fantastische Bilder und wünschen dir weiterhin viel Spaß in Australien. 🦘🦘🦘

    1. Ja, ich schreibe leider nicht mehr so fleißig wie am Anfang meiner Reise. Aber ich habe mal geguckt, meine Berichte sind dafür inzwischen viel länger als in den ersten Wochen 🙂

  3. Klasse Erlebnisberichte, bin heute auf einem 70. Geburtstag auf diese Seite aufmerksam gemacht worden von deinem Onkel! Weiterhin alles Gute, u. “ Supererlebnisse“ on the world! Grüsse unbekannter Weise aus Berlin!

    1. Hallo Martin, unbekannte Grüße zurück und vielen Dank für das Lob. Freut mich immer sehr, wenn mir gesagt wird, dass meine Berichte unterhaltsam sind 🙂

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