Im Herzen von Warschau

Im Herzen von Warschau

Wie mache ich das jetzt am besten? Bild und Überschrift lassen einen reißenden Artikel über Polens Hauptstadt erwarten. Aber aus chronologischer Sicht befinden wir uns noch in der Slowakei. Also machen wir es so: Ich erzähle noch schnell von den letzten Stunden meines Aufenthalts in Lipton Miraculix, und dann wenden wir uns Warschau zu. 

An meinem letzten Tag in der Niederen Tatra bin ich nach Jasna gefahren. Mit dem Bus. Keinerlei Probleme. Man ist jetzt Profi. Jasna ist im Winter ein großes Skiresort und im Sommer ein nicht ganz so großes Ausflugsziel für Wanderer. Die Lifte fahren auch bei Sonnenschein, zum Beispiel auf den höchsten Gipfel der Gegend, den Chopok. Seht einfach selbst.

Den Muskelkater habe ich als Abschiedsgeschenk mit nach Polen genommen. Dorthin bin ich am nächsten Tag aufgebrochen. Die Reise war zäh. Morgens um 10 Uhr ging mein Bus zum Bahnhof von Lipton Miraculix. Zwei Stunden warten. Dann mit der Bahn zurück nach Ružomberok. Im Zug habe ich eine ältere Frau gefragt, ob ich richtig bin. Die hat bejaht und mir zum Glück auch am richtigen Halt gesagt, dass ich aussteigen muss (es gibt ja keine Ansagen im Zug).  

Wieder eine Stunde warten. Diesmal auf den Flixbus. Die Fahrt nach Warschau dauerte acht Stunden. Wir haben gefühlt die Hälfte der Zeit im Feierabendverkehr von Krakau festgesteckt. Außerdem sind wir fast mehr Landstraße als Autobahn gefahren. Es gibt nämlich gar keine durchgängige Autobahn zwischen Krakau und Warschau. 

Gegen halb zehn waren wir endlich am Ziel. Beziehungsweise war der Flixbus an seinem Ziel: Warschau West. Ich musste von da noch in mein Hostel, das noch ein ganzes Stück entfernt war. Ich komme hier vielen wahrscheinlich vor, wie der ÖPNV-Totalausfall schlechthin. Aber ich hab und hab doch wieder nicht den richtigen Zug/Bus oder sonstwas gefunden. 

Ich muss das ja hier nicht weiter ausbreiten aber im Endeffekt bin ich irgendwo eingestiegen und musste nochmal 20 Minuten zum Hostel laufen mit dem schweren Rucksack. Ich war so kaputt, als ich gegen kurz vor 23 Uhr ankam.

 

So frisch und munter sah ich auf dem Weg zum Hostel aus

Wenn man von der strategisch ungünstigen Entfernung vom Busbahnhof absieht, liegt das Hostel aber perfekt – und zwar direkt in der historischen Altstadt von Warschau. Ich muss nur aus der Tür schauen, da sehe ich schon die Stadtmauer. Zum wunderschönen Marktplatz sind es nur zwei Minuten zu Fuß. 

Das Hostel selbst ist auch super. Große Zimmer, viele Aufenthaltsbereiche, nette Menschen (Tut mir leid Rebekka, diesmal keine Anekdoten von komischen Menschen). Und im Gegensatz zu meinen Erfahrungen in den vorherigen Ländern sind auch die Polen sehr nett und hilfsbereit. Ich will nicht verallgemeinern, aber tendenziell waren die Menschen in den Nachbarländern doch eher mürrisch, wie ich bereits schrieb.

Natürlich habe ich den ersten Tag genutzt um frisch ausgeschlafen durch die Altstadt zu schlendern. Hier ein paar Impressionen.

Hach, mir gefällt Warschau richtig gut. So wie eigentlich jede Stadt, die ich bislang gesehen habe. Und alle sind anders. Warschau wirkt auf mich ernsthafter als Budapest, entspannter als Prag, weltoffener als Bratislava. 

Neben der historischen Altstadt gibt es auch ein sehr modernes Zentrum, in das ich auch kurz einen Fuß gesetzt habe. Mit vielen Hochhäusern, viel Verkehr und ganz viel Geschäften.

Downtown Warschau

Was mir sofort aufgefallen ist, hier gibt es an jeder Ecke Straßenmusikanten. Wirklich an jeder. Vom klassischen Sologitarristen bis zur Rockband mit Verstärker und allem drum und dran. Heute habe ich zwei harfespielende Opernsängerinnen gesehen. 

Mein allerliebster Straßenmusikant stand aber gestern vor der Geschäftsstraße im neuen Stadtzentrum. Der Herr war locker Mitte 80 und war ausgerüstet mit einem Mikrofon, einem kleinen Musikrekorder und einem Textbuch, in dem er eifrig blätterte. Sein Repertoire umfasste vor allem flotte, polnische Evergreens, aber auch den einen oder anderen englischen Klassiker. (Vielleicht könnte sich Oma ja auch mal vors Schlosspark-Center stellen und die Haushaltskasse aufbessern.)

Was mir auch aufgefallen ist, hier gibt es sehr viele Insekten. Vielleicht, weil es so viele Grünflächen gibt?

Heute habe ich eine Stadtführung zum Thema „Warschau im Zweiten Weltkrieg“ mitgemacht. Das war wirklich interessant. An vielen Stellen, die wir uns anschauten, wäre ich normalerweise vorbeigelaufen, oder hätte nicht gewusst, was sie bedeuten. 

Zum Beispiel der kleine Streifen Kopfsteinpflaster, der an einer Kreuzung am Rande der Altstadt von einem Fußgängerweg auf die Straße zu einem Gullydeckel führt. Er zeigt an, dass hier Leute runter in die Abwasserrohre geklettert sind um sich vor den Nazis zu retten. Oder das Mahnmal neben den Stadtmauern, das aus dem Material eines geschmolzenen deutschen Panzers geformt wurde.

Wir waren auch im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt, in dem später das Warschauer Ghetto errichtet wurde. Unsere Stadtführerin ging mit uns zu der Straße, die damals die belebteste Einkaufs- und Wohnstraße des ganzen Viertels war. Sie zeigte uns Fotos von damals. Das jüdische Viertel wurde nach dem Aufstand der Gefangenen in dem Ghetto völlig zerstört. Die Straße ist heute eine Geisterstraße. (Bitte Pfeile betätigen.)

Doch nicht nur das jüdische Viertel wurde zerstört. Nach dem Warschauer Aufstand 1944 wurde die ganze Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Bei Ende des Kriegs lebten in der einstigen Großstadt noch 1.000 Leute zwischen den Ruinen, erzählte uns unsere Führerin. Ein sehr eindringlicher Nachmittag war das heute für mich.

Dieser Beitrag hat 12 Kommentare

  1. Hach Anne…….dein Video war KLASSE. Ich musste andauernd schmunzeln. Als du auf dem Lift gesessen hast,hab ich so gedacht,dass könnte auch Peggy sein 🤣🤣🤣. Aber den Absprung hast du ja mit Bravour gemeistert 👏

    Weiterhin alles Gute. Wir sind gerade in Mecklenburg und machen Urlaub. Ab Mittwoch wird das Wetter super und wir werden fleißig Boot fahren. Lg Peggy

    1. Gut zu wissen, dass es nicht nur mir so geht 😀 Ganz viel Spaß in Mecklenburg mit dem Einsamen wünsche ich euch.

  2. Es war sehr schön dich so zufällig zu treffen 😘
    Gute Weiterreise!

    Wir waren übrigens noch im Kulturpalast und ich habe mich auf die Aussichtsplattform getraut!!!

    1. Uhhh, Kaka ich bin ganz stolz auf dich. Und im nächsten Blogartikel kommst du ganz groß raus 😀

  3. Anne,man merkt,du bist vom Fach,deine Berichte sind professionell und kurzweilig.Bis Strbske pleso kannte ich auch alle Orte ,die du bereist hast aus meiner Jugend,wo alles noch ganz anders aussah und andere Zeiten waren und wo Erinnerungen wach wurden In der Hohen Tatra haben wir mit Opa Hans z.B. ganz waghalsige Klettertouren unternommen…ab jetzt also,ist alles Neuland und ich bin gespannt.Gute Reise!L.G.

    1. Von den Klettertouren musst du mir mal erzählen, wenn ich zurück bin 😀 Ich hoffe, ich bleibe weiter kurzweilig. Viele Grüße

  4. „Ich hab 800 Höhenmeter überwältigt!“ – Köstlich. Ach Mensch, Warschau klingt so gut und spannend, wie ich es mir vorgestellt hab. Hab es ja bisher „nur“ nach Krakau geschafft. Ach, warte nur ab – die Hostelgeschichte kommt schon noch! 😜

    1. 1. Waren es wirklich 800 Höhenmeter. Ist ja jetzt wirklich egal ob rauf oder runter 😀 2. Ist Warschau toll. Nach Krakau wollte ich eigentlich auch, habe es aber aus Zeitgründen aus meiner Planung gestrichen. Und 3. befürchte ich auch, dass ich noch sehr komische Hostels sehen werde.

  5. Wenn über Whatsapp Dein neuer Standort angekündigt wird sind wir schon auf den Inhalt Deines nächsten Reiseberichtes gespannt. Für uns jedesmal eine interessante Lektüre

    1. Und ich freu mich, dass ihr hier immer so fleißig kommentiert 😀

  6. Hey Anne, dein Reisetagebuch ist wirklich sensationell. Freue mich schon auf die vielen Geschichten, die noch kommen und amüsiere mich sehr über deine Videos. Schön, dass wir auf diese Weise alle ein bisschen mitreisen können. 🙂

    1. Huhu Torsten, vielen Dank für das Lob 🙂 Ja, irgendwie enden die Videos immer damit, dass ich mich über körperliche Betätigung beschwere. Ich muss mal andere Inhalte liefern 😀

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