Quo vadis?

Quo vadis?

Leute, ich weiß gar nicht, wie ich mich hier ausdrücken soll. Die Welt steht Kopf und selbst der Arsch ebendieser ist davon nicht ausgenommen. Stand heute gibt es in Neuseeland zwar „nur“ 20 Coronafälle, aber seit Montag wird die Einreise stark reguliert. Alle Ankommenden, egal woher, müssen zwei Wochen in häusliche Quarantäne. Ich hatte also wahnsinniges Glück, es gerade noch vor Beginn der Maßnahme ins Land geschafft zu haben. Denn Hostels können keine Quarantäne leisten.

Während ich diese Zeilen hier auf einem Sofa in der Lobby meines Hostels in Auckland schreibe, höre und sehe ich mit einem Ohr und Auge, wie der Rezeptionist ein neuangekommenes Pärchen abweist, das heute erst nach Neuseeland eingereist ist. Und das ist nicht der erste Fall. Ich frage mich, wie diese Backpacker überhaupt ins Land reinkommen, denn angeblich wird man am Flughafen dazu befragt, ob man die Möglichkeit hat, in häusliche Quarantäne zu gehen. (Inzwischen ist das Pärchen weg und der Rezeptionist bearbeitet mit Desinfektionsmittel alles, was nicht weglaufen kann.)

So, ich habe also Glück überhaupt hier zu sein. In einem Land, in dem man noch auf die Straße darf, in dem das öffentliche Leben weitergeht. Ich lese ungläubig was in Deutschland und Europa passiert und kann mir gar nicht recht vorstellen, wie sich das Leben bei euch gerade anfühlen mag.

Aber wie nun weiter? In einem Monat geht mein Flug nach Buenos Aires. Theoretisch. Ich habe das Ticket an meinem letzten Abend in Australien gebucht. In Südamerika ist ja Corona noch nicht so ein Problem, dachte ich mir. Kein Problem. Vor drei Tagen hat Argentinien seine Grenzen für alle Einreisenden dicht gemacht. Zunächst für zwei Wochen, aber ist es wirklich wahrscheinlich, dass sie danach alle wieder reinlassen? Und ohne dass man sich in häusliche Quarantäne begeben muss? Wohl kaum. 

Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes prangt eine weltweite Reisewarnung. Alle Deutschen im Ausland werden aufgefordert, nach Hause zu kommen. Ich will aber nicht zurück nach Deutschland. Erstens, weil ich noch nicht das Gefühl habe, mit meiner Weltreise abschließen zu können. Zweitens: Es erscheint mir völlig unsinnig, ein Land zu verlassen, in dem noch weitestgehend Normalität herrscht um in ein Krisenzentrum zurückzukehren. 

Gerade habe ich mit einer anderen Deutschen gesprochen, die beschlossen hat, heimzufliegen. Sie hat Angst, in ein paar Wochen nicht mehr aus Neuseeland rauszukommen. Trotzdem, für mich gerade keine Option. Ich werde die Lage natürlich beobachten, mich weiter mit anderen Backpackern austauschen. Bis vor ein paar Tagen war das Thema Corona unter uns Reisenden meistens nur eine Randnotiz. Inzwischen ist es auch hier Topthema.

Ich habe aktuell zwei Möglichkeiten: Ich finde ein anderes Land, das mich „aufnimmt“, ohne Quarantäne. Am besten in Süd-, Mittel- oder Nordamerika. Alles andere wäre sinnfrei. Ich habe keine Ahnung, ob es ein solches Land überhaupt noch gibt. Das werde ich nach Beendigung des heutigen Berichts recherchieren.

Zweite Option: Ich bleibe vorerst in Neuseeland. Wenn Argentiniens Grenzen weiter dicht bleiben, wird mein Flug sowieso gestrichen und mein Visum ist noch bis Mitte Juni gültig. Es gibt Schlimmeres, als drei Monate in Neuseeland verbringen zu dürfen. Ob ich mir das finanziell überhaupt leisten könnte, ist eine andere Frage.

Ja, so ist der Stand der Dinge. Mir ist klar, dass ihr im Moment eure eigenen Sorgen habt, aber allen, die meine Gedankengänge vielleicht doch interessieren, wollte ich meine Planungen mitteilen.

Im Journalismus gibt es einen gängigen Spruch: “ Wir haben keine Chronistenpflicht“. Ich werde mit dieser Praxis heute mal brechen und  noch in aller Kürze berichten, was seit Beendigung meinen Roadtrips in Australien außer Corona passiert ist. Als Erinnerungshilfe für kommende Jahre.

Wobei wir meinen letzten Tag in Perth wirklich vernachlässigen können, weil ich an diesem lediglich stundenlang daran arbeitete, meine Massen an Roadtripfotos in den Griff zu bekommen. Auch die Flüge von Perth nach Sydney und im Anschluss von Sydney nach Auckland sind nicht sonderlich erwähnenswert, bis auf ein Detail. Ich bin jetzt ein großer Fan der Airline Jetstar. Nicht, weil man dort etwa mehr Beinfreiheit hätte als in anderen Billigfliegern. Nein, ich habe die erste übergewichtige Stewardess meines Lebens gesehen. Ich war so begeistert. Was soll das auch immer mit diesen 40-Kilo-Stewardessen? 

Seit meiner Ankunft hier in Auckland habe ich gemäßigtes Sightseeing betrieben. Wunderhübsch ist die Stadt nicht, aber auch nicht furchtbar. Zum Auftakt trieb es mich in den Albert Park in direkter Nähe zu meinem Hostel.

 

Im Anschluss ließ ich mich ein wenig durchs Zentrum treiben, vor allem lief ich über die Queen Street, die zentrale Einkaufsstraße in der Innenstadt.

Ich unterstütze das neuseeländische Fußgängerampelsystem. An großen Kreuzungen schalten die Fußgängerampeln für alle Seiten zur gleichen Zeit auf Grün. Das heißt also: Alle Autos müssen warten, alle Fußgänger können gehen. So ist es möglich, dass man die Kreuzung auch diagonal überqueren kann und sich auf diese Weise eine Ampelphase Wartezeit spart.

Folgt man der Queen Street bis zu ihrem nördlichen Ende, landet man am Fähr- und Yachthafen von Auckland. Das Gelände ist sehr schön, man muss allerdings aktuell einen kleinen Baustellenhindernislauf absolvieren und sich bis zum schönen Teil durchboxen.

Als ich von meiner kleinen Tour zurückkam und in der Hostellobby entspannte, wurde ich Zeugin eines Telefongesprächs, das mir ganz lange Ohren machte. Das hörte sich stark nach Heimat an. Wer da so schien schwätzte, war Caro aus dem Saarland. 

Ich musste sie natürlich direkt ansprechen und wir waren total auf einer Wellenlänge. Ich habe auf meiner Reise so viele nette Leute kennengelernt, aber manchmal klickt es einfach richtig. Leider reiste Caro am nächsten Tag gleich schon wieder ab, sodass die Freude über diese tolle Reisebekanntschaft nur von kurzer Dauer war.

Am Montag machte ich einen Ausflug zum Mount Eden. Der Berg ist einer von vielen, vielen Vulkankratern in Neuseeland und die höchste natürliche Erhebung in Auckland. Das verspricht natürlich einen guten Rundumblick.

Am Abend war ich mit Can aus der Türkei beim Thai. Sehr schön. Das erste Mal so richtig auswärts essen  – und nicht nur Fast Food – seit meiner Abreise aus Asien. Und meine Unlust auf asiatisches Essen ist mir inzwischen auch wieder vergangen, sodass ich das Pad Thai zelebrieren konnte. Übrigens, in Australien und Neuseeland ist zwar alles teuer. Trinkgeld wird normalerweise aber nicht erwartet. Das ist doch was.

Gestern war ich in Devonport, einem Vorort/Stadtteil (?) von Auckland, den man am Günstigsten mit der Fähre erreicht. Die Fahrt dauert nur zehn Minuten. In Devonport leben wohl besonders viele reiche Rentner. Es ist auf jeden Fall ein sehr entspannter, bepalmter Ort und eine tolle Aussicht auf die Skyline von Auckland gibt es auch. (Tut mir leid, das letzte Foto ist ein wenig verwackelt.)

Und heute sitze ich hier in meinem Hostel und grübele vor mich hin, was mich wieder zum Anfang des heutigen Berichts bringt. Das Hostel wirkt inzwischen richtig ausgestorben. Als ich hier vor sechs Tagen ankam, war Radau und Rabatz in den Aufenthaltsräumen und auf der Terrasse. Heute begegnet man kaum noch jemanden. Ich sitze gerade mit Anja aus Deutschland mutterseelenallein in der Lobby. Anja ist mir auch als einzige von ursprünglich fünf Bettnachbarinnen übrig geblieben. 

Ich halte euch weiter auf dem Laufenden und hoffe, dass es euch allen gut geht. Ich denke an euch.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Hallo liebe liebe Anne, was soll ich sagen … Du bist ein Glückskind! Du bist ohne Probleme nach Neuseeland gekommen, darfst Dich (noch) frei bewegen auf dieser wunderschönen Insel und das Allerwichtigste: Du kannst noch bis Juni bleiben! Was für ein Glück!!! Genieße Deine Zeit, reise in menschenleere traumhafte Regionen, übe Dich in Gelassenheit und versuche in Deiner Mitte zu bleiben. Et kümmt wie et kümmt… 🙂 – Und ich freue mich seeeehr über weitere sehr sehr interessante und inspirierende Berichte 🙂 MACH UNS RICHTIG NEIDISCH!!!!! (… ab Mittwoch wäre ich nämlich für 3 Wochen Trekkingtour auf Madagaskar. Nach aktueller Anweisung vom Personalservice darf ich den Urlaub nicht stornieren! Also werde ich schlimmstensfalls 3,5 Wochen mehr oder weniger in meiner Wohnung sitzen…) Nochmal: Du bist ein Glückskind und genieße es bitte! Liebe Grüße sendet Dir Andrea … und Renate 🙂

    1. Oh neiiin, liebe Andrea, das mit deinem Urlaub tut mir unfassbar leid. Drei Wochen Trekking auf Madagaskar hört sich traumhaft an. Genau dein Ding. Und dafür dann drei Wochen zu Hause hocken 🙁 Ich hoffe so, dass du das ganz schnell nachholen kannst.
      Ja, du hast recht, ich kann schon ganz froh sein, in Neuseeland zu sein. Ich versuche der aufkommenden Panik meiner Mitreisenden zu entgehen und alles auf mich zukommen zu lassen.
      Viele Grüße, auch an Renate 😀

  2. Auch viele Hoffnungsgrüsse, vom unbekannten Berliner, dem langjährigen Kumpel von Matthias mit dem ich nur im „verwelkenden“ Sozialismus nach Bulgarien getramt war. Ja ein mikrokleiner aggressiver und invasiver Virus hat uns große Welteroberer zu demütigen fast ohnmächtigen ängstlichen Winzlingen gemacht, die noch die Hoffnung tragen, als würdiger Sieger in diesem ungleichen Konflikt zu bestehen! Aber nach dem 2. Weltkrieg ist dies eine neue globale Extremsituatinon für die gesamte Menschheit! Bewältigungen werden wir sehen! PS : Zur Zeit läuft ein Rückholprogramm der Bundesregierung)
    In Hoffnung alles Gute! Martin

    1. Oh, ein sozialistischer Roadtrip nach Bulgarien hört sich auf jeden Fall auch nach einem großen Abenteuer an. Davon muss mir der Onkel mal erzählen 😀 Von dem Rückholprogramm weiß ich, aber aus Neuseeland sind vorerst keine Flüge geplant. Ich behalte die Sache im Auge.

  3. Hi Anne, Corona ist also tatsächlich global. Ich war schon in deinem letzten Bericht aus Australien erstaunt, dass es das Corona-Toilettenpapier-Syndrom (lat. hysterica-coronam-papyrus-abortis) auch auf der Unterseite des Planeten gibt. Für deinen Aufenthalt im Kiwi-Land wünsche ich dir alles Gute und ich freue mich schon auf weitere Berichte. Dein Reisetagebuch ist einfach toll formuliert und die Bilder sind wunderbar! Ciao Ciao Oli

    1. Uiii, hallo Schreibtischnachbar 😀 Ich liebe die lateinische Bezeichnung für das Corona-Toilettenpapier-Syndrom. Ich werde sie ab jetzt ausschließlich verwenden. Gerade war ich in einem neuseeländischen Supermarkt, wo große Schilder die Leute auch freundlich darauf hinweisen, doch bitte keine Hamsterkäufe zu tätigen.

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